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Die politisch motivierte Deportation aus der Toskana

Dieser Text ist dem Essay von Camilla Brunelli und Gabriella Nocentini entnommen, der im zweiten Band von IL LIBRO DEI DEPORTATI - Deportati, deportatori, tempi, luoghi (ed. Mursia, 2010) von Brunello Mantelli veröffentlicht wurde.


Wie bekannt, hat die nationalsozialistische Besatzung der Zivilbevölkerung der Toskana ein außergewöhnliches Opfer auferlegt. Aufgrund einse andauernden totalen und verheerenden Krieges mit Gemetzeln und Massakern ist die Toskana - gemessen an der Zahl der Toten - die schwerstgetroffene Region Italiens. Hinzu kommen die Opfer der Deportation, die eine weitere Modalität darstellte, um eine ohnehin schon ausgezehrte Bevölkerung zu terrorisieren.
Im Zeitraum von Dezember 1943 bis September 1944 kam es zu zahlreichen Verhaftungen aus politischen Motiven und zur darauffolgenden Deportation der Verhafteten in die der SS unterstellten nationalsozialistischen Konzentrationslager (deutlich von den Kriegsgefangenenlagern unter Kontrolle der Wehrmacht oder den Zwangsarbeitslagern unter der direkten Verwaltung der Betriebe zu unterscheiden). Die Verhaftung und Deportation der politischen Häftlinge wurde weitestgehend als "Schutzhaft" begründet (Festnahme und Haft der Verdächtigen "zum Schutz von Volk und Staat"), ein Vorgehen, das ab 1933 gesetzt wurde, um die als für die Sicherheit des Reiches gefährlich angesehenen politischen Gegner (zunächst eigene Landsleute) als Präventivmaßnahme in Lager zu verschleppen.
Etwa 1.000 politisch Verfolgte, die in der Toskana geboren oder verhaftet wurden, wurden nach dem damals geltenden Verfahren festgenommen und in die Konzentrationslager deportiert.
Ein derartiges Verfahren wurde von SS und Deutscher Polizei in Italien in Zusammenarbeit mit dem Unterdrückungsapparat der RSI (Republik von Salò) ab Anfang 1944 eingesetzt und betraf die drei Hauptkategorien der politischen Gegner: tatsächliche Partisanen, vermeintliche Unterstützer sowie Wehrdienstverweigerer. Zu den politischen Häftlingen zählten auch jene, die an Formen des zivilen Widerstandes beteiligt waren, wie zum Beispiel an den großen Streiks in den Stadt- und Industriegebieten. In der Toskana, vor allem aber im Gebiet Florenz/Prato/Empoli, überwiegend die Verhaftungen im Zuge der nach dem Generalstreik im März 1944 erfolgten Razzia.

Im gesamten Gebiet des besetzten Italiens hatten sich Zehntausende am Generalstreik beteiligt, der als eines der außergewöhnlichsten Ereignisse des europäischen Widerstandes angesehen wird und eine Form des unbewaffneten Widerstandes darstellt. Motive, die die massive Beteiligung am Generalstreik rechtfertigten, waren vor allem Verdruss angesichts der Entbehrungen durch den Krieg, Unzufriedenheit aufgrund der schlechten sozialwirtschaftlichen Verhältnisse und der katastrophalen Ernährungslage sowie das Andauern von Aktionen seitens des nationalsozialistischen Besatzers, die auf die Plünderung sowohl menschlicher als auch produktiver Ressourcen des Gebietes abzielten. In der toskanischen Hauptstadt streikten die Arbeiterinnen und Arbeiter vieler Fabriken, darunter die Galileo-Werkstätten, Pignone, Richard-Ginori, Manetti & Roberts und die Zigarrenarbeiterinnen der Tabakmanufaktur Manifattura Tabacchi.

In Empoli und umliegenden Gemeinden streikten vor allem die Glasereiarbeiter, in Abbadia San Salvatore die Bergarbeiter, weiters wurde in Cavriglia, im Raum Pistoia und Pisa, in Livorno und Piombino die Arbeit niedergelegt. In Santa Croce sull'Arno streikten die Gerbereiarbeiter, im Mugello und vor allem in Prato die dort weitverbreitete Textilindustrie. Wie bereits in Oberitalien, folgte auch in der Toskana eine harte Vergeltung auf den Generalstreik: Die Razzien waren gezielt, noch öfter aber wahllos. So wurden am Streik beteiligte Arbeiter, aber auch solche, die nicht gestreikt hatten sowie Angestellte, Berufstätige und sogar ahnungslose Passanten festgenommen. Hunderte wurden vor allem in der Provinz Florenz, die damals auch Prato umfasste, auf den Straßen, zu Hause oder direkt in den Fabriken festgenommen, anschließend in die an der Piazza Santa Maria Novella gelegenen Leopoldinischen Schulen gebracht, wo die ersten Registrierungen von der SS vorgenommen wurden. Am Morgen des 8. März war der Platz voller Personen auf der Suche nach Nachrichten von ihren Angehörigen. Im Laufe des Nachmittags wurde die Mehrheit jener, die festgehalten worden waren, in LKWs zum Bahnhof Santa Maria Novella gebracht, in versiegelte Viehwaggons gesperrt und "in Richtung Deutschland geschickt". Der Transport, der am 8. März 1944 Florenz verließ und am 11. März Mauthausen im ans Deutsche Reich annektierten -sterreich erreichte, umfasste mehr als 330 infolge des Streikes in der Toskana verhaftete Männer; wenige Dutzend haben überlebt.


Als Beweis der heftigen Irritation der Besatzer und der faschistischen Kollaborateure der Republik von Salò angesichts des beachtlichen Erfolges des Streikes im März erlitten auch die wahllos verhafteten Personen die schlimmste Behandlung, nämlich die Deportation in das von der SS verwalteten NS-Lagersystem und nicht in die "milderen" Zwangsarbeitslager. Großteils wurden sie im KZ Mauthausen interniert, das wegen seiner Behandlungshärte und den meist tödlichen Folgen einem Vernichtungslager sehr nahe kam. Die Arbeitermobilisierung während des Streiks im März 1944 war ein Erfolg des Florentiner Widerstandes, der ab jenem Zeitpunkt ein "neues Leben" mit wichtigen Aktionen zwischen April und Mai erfuhr, das zwischen Juni und Juli in der Vorbereitung der Befreiung der Stadt seitens des Nationalen Befreiungskomitees der Toskana seinen Höhepunkt fand. Die Risiken und Schwierigkeiten dabei waren besonders im Widerstand gegen den deutschen und faschistischen Unterdrückungsapparat groß. Festnahmen, Inhaftierungen und besonders intensive Deportationen im Juni 1944 sind im Zusammenhang mit dem Anstieg der widerständischen Aktivitäten, aber auch der nazifaschistischen Unterdrückung zu verstehen. Der am 21. Juni vom Durchgangslager Fossoli (Provinz Modena) aus gestartete und am 24. Juni in Mauthausen angekommene Transport ist - was die Anzahl der Deportierten anbelangt - nach jenem des 8. März der zweite Transport mit in der Toskana geborenen oder verhafteten Bürgern. Viele von ihnen hatten eie gewisse Zeit in Haft im Gefängnis von Florenz verbracht, bevor sie nach Fossoli in Erwartung der darauffolgenden Deportation überstellt wurden.

Unter den Deportierten fdes 21. Juni finden sich auch zahlreiche bekannte Antifaschisten der Toskana, wie etwa Enzo Gandi, Giulio Bandini, Marino Mari oder Dino Francini, wobei letztgenannter an seinem Arbeitsplatz in der Banca Commerciale Florenz verhaftet worden war. In diesem Transport waren auch Personen, die im Zusammenhang mit den Geschehnissen um Radio Co.Ra stehen: Marcello Martini, Guido Focacci, Angelo Morandi und Salvatore Messina wurden alle infolge des Eindringens nationalsozialistischer Kräfte nach einer Denunzierung in einem Haus an der Piazza D'Azeglio in Florenz verhaftet, wo sie geheime Radioverbindungen mit den Alliierten hergestellt hatten. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die politisch motivierte Deportation aus der Toskana bekannte und weniger bekannte Antifaschisten und Widerstandskämpfer betraf.
Die Verhaftungen und Razzien waren jedoch auch willkürlicher Natur, da nicht immer berücksichtigt wurde, ob der Verhaftete tatsächlich eine Widerstandsaktivität ausgeübt hatte. Dies ist besonders im von der Anzahl der Deportierten her größten Transport aus der Toskana ersichtlich: jenem bereits erwähnten des 8. März 1944 von Florenz. Es war tatsächlich die Absicht der Besatzungskräfte, durch die Deportationen eine starke Abschreckung vor möglichen weiteren Kampf- oder Widerstandsmaßnahmen seitens der Bevölkerung zu schaffen. Gleichzeitig beabsichtigten sie damit aber auch, Arbeitskräfte für den Einsatz zur Sklavenarbeit in der Kriegsindustrie des Dritten Reiches in Massen zu Gewinnen. Besonders Italiener - nämlich die Anhänger der Guardia Nazionale Reppublicana (GNR), der Republikanischen Nationalgarde - führten die Verhaftungen durch (etwa 90% der Festnahmen sind ihnen zuzuschreiben). In vielen Fällen ist auch die Beteiligung von in die GNR eingegliederten Carabinieri belegt. Dies zeugt vom hohen Anteil an Kollaboration seitens der faschistischen Behörden, die essenziell für den Erfolg der Deportation selbst war. In Dachau, vor allem aber im Konzentrationslagerkomplex von Mauthausen mit seinen Dutzenden Nebenlagern, die zum Ziel für die Mehrheit der politischen Häftlinge aus Italien wurden, ergab sich aufgrund der so extremen Bedingungen eine dramatisch hohe Sterblichkeit, wodurch die Häftlinge im Durchschnitt nicht länger als acht Monate überlebten. In vielen Fällen wurden die "Arbeitsunfähigen" nach Selektionen in den Gaskammern ermordet.



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